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Interview mit Bad Gyal Cecile
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Cecile im Interview Audio Interview im Big Up! Podcast
Big Up! Wie hast du mit Dancehall angefangen? In welchem Alter?
Cecile: Sehr jung - ich wollte singen, nicht unbedingt Dancehall Music, aber ich kapierte sehr schnell dass es ratsam ist in Jamaika Dancehall zu machen, aber ich kannte nicht wirklich jemanden der Dancehall machte und meine Eltern auch nicht. Aber mein Vater war mit Ibo Cooper, dem Co-Founder von Third World befreundet, also schickte er mich zu ihm und er nahm sogar ein paar Sachen für mich auf.

Das war eher Reggae und wir brachten sogar einen Song raus "Beats From Her Heart" - ich weiss nicht mehr wie der geht, das gibt es nicht! Das lief nicht so gut, denn das war am Anfang der Beenie Man, Chevelle Franklyn u Diana King Ära. Ich selbst war noch in der Highschool aber diese Leute waren hip und Dancehall ging zu dieser Zeit richtig los. Ich konzentrierte mich nicht sehr darauf. - Ich würde sagen ich habe erst 2 Jahre später  realisiert, dass ich diesem Dancehall Business nachgeben musste. Also verliess ich meine Kleine Welt und kam nach Kingston. Ein Freund von mir, David Berg, Shawn Bergs Bruder, hatte eine meiner Kassetten gehört, und weil sie ihm so gut gefiel, stellte er mich seinem Cousin Steven Ventura vor, der ein eigenes Studio hatte. Das war super, ich traf mit ihm die Abmachung, dass ich umsonst im Studio arbeiten würde, wenn er im Gegenzug einige Songs für mich produzierte.
Also begann ich dort, in einem top-ausgerüsteten Tonstudio zu arbeiten. Wir waren so ziemlich das erste volldigitale Studio mit Pro Tools, CD Vervielfältigung usw. in Jamaika, und das schon im Jahre 1996. Hier begann ich mit Dancehall.

Big Up! Was war dein erster Hit?
Cecile: Ich glaube der erste grosse Hit war “Changez”, aber das Erste was die Leute richtig wargenommen haben war das Remake von “If You Have My  Love" von Jennifer Lopez auf dem Latino Riddim.

Big Up! Für uns ist “Changez” auf jeden Fall dein echter erster Hit - wie bist du auf die Lyrics gekommen?
Cecile: Das war so einfach, ich sollte einen Song für ... aufnehmen, der damals gerade seine Karriere als Produzent began. Er ist ja ein Selecta und kannte alle bekannten Artists wie Elephant Man oder Bounty - ich hab mir überlegt, ich bin ein neuer unbekannter Artist, was kann ich also singen um die Aufmerksamkeit dieser Leute zu erregen? Zuerst dachte ich, er ist ein Selecta, also singe ich etwas über Selectas, über Rory, Skyjuice, Matterhorn, und zwar irgendetwas Lustiges, unter der Gürtellinie. Aber ausser diesen Namen ist mir keiner mehr eingefallen. Artists sind viel bekannter als Selectas und plötzlich war alles ganz einfach: Bounty zu steif, zu hässlich,... es war so witzig!

Big Up! Und wie haben die anderen Artists reagiert?
Cecile: Oh, alle liebten es! Alle ausser Bounty. (lacht) - Ganz ehrlich, Bounty war das egal, er ging einfach mit dem Flow. Er sagte zwar einiges in Interviews und so, aber als der Song ein Hit war, tourten wir zusammen und ich trat mit seiner Band auf und wir verstanden uns super. Da ging es eher um Publicity. ...und er tanzt jetzt, er hat alle Tänze drauf. Eigentlich sollte ich belohnt werden! (lacht)


Cecile vom Big Up! Cover
Big Up! Soweit wir wissen hat bei Dir alles mit dem Schreiben von Gedichten angefangen - schreibst du immer noch Gedichte und was bedeuten Gedichte für dich?
Cecile: Gedichte geben mir die Möglichkeit mich auszudrücken. Bei Dancehall Lyrics ist man doch eher eingeschränkt, vor allem bei der momentanen Situation in Jamaika. Hier wird Dancehall als Ghettosache stigmatisiert und meiner Meinung nach tun das die Jamaikaner selbst. Es stimmt auch sicherlich, dass Dancehall aus dem Ghetto kommt, aber ich finde ja auch nicht dass Europäer keinen R&B singen dürfen, nur weil R&B aus den USA kommt.
Genausowenig denke ich, dass man aus dem Ghetto kommen muss um Dancehall singen zu können. Jedoch ist es nun mal so und für viele ist man erst ein echter Dancehall Artist, wenn man sich auf einem bestimmten Niveau bewegt. Du bist also irgendwie auf das beschränkt, was diese Leute denken - ich meine, du weisst was passiert ist als ich meinen Song "into me bed" gesungen habe, richtig?
Die Leute drehen immer noch durch und sagen "Du kannst diesen Song nicht singen, das kannst du nicht machen!" Aber grundsätzlich denke ich, dass ich mich davon frei machen kann. Ich kann meinen eigenen Style durchsetzen. Die meisten Dancehall Artists singen einfach das, womit die Leute im Publikum sich identifizieren können. Ich will zum Ausdruck bringen was mich bewegt, über alle Grenzen hinweg, egal über welche. Auf meiner neuen Webpage www.cecileflava.com, die seit kurzem im Netz steht, gibt es übrigens eine eigene Seite für meine Gedichte. Sie ist noch nicht ganz fertig, aber es gibt sie! Damit die Leute auch einmal einen Blick darauf werfen können was ich sonst so schreibe. Wenn man Dancehall Lyrics schreibt, geht es ja doch immer und immer wieder um das Gleiche: Sex, Sex, Sex.
Ich habe zwar auch andere Songs, über häusliche Gewalt, über die Scheinheiligkeit vieler Menschen - und ganz ehrlich, aus diesen Songs wird normalerweise nie ein Hit, um es einmal so auf den Punkt zu bringen. Für mich stellt das einen guten Grund dar, ein komplettes Album zu produzieren - was ich hoffentlich bald schaffe.

Big Up! Wie stehen denn die Dinge mit deinem Album? Auf deiner Webpage haben wir gelesen es wäre gecancelt?
Cecile: Das Problem bestand darin, dass ich im Juli 2003 einen Plattenvertrag unterschrieben habe, obwohl ich eigentlich für ein Album noch nicht bereit war. Ich unterschrieb also diesen Vertrag - wenn man ihn überhaupt so nennen kann - bei Delicious Vinyl, bei denen auch Mr Vegas ist, aber die haben eigentlich bis heute nichts für mich getan. Ich glaube nicht, dass sie mich verstehen, dass sie verstehen was ich versuche zu realisieren. Der Eigentümer sagte sogar wörtlich "Fuck Jamaika" - aber das ist nun einmal meine Heimat!! Sie wollen keine Promotion in Jamaika machen, sie wollen direkt auf den US-Markt und von dort aus den Durchbruch schaffen. Ich habe noch nie gesehen, dass das funktioniert hätte. Ausserdem glaube ich nicht daran, dass sie das Geld haben, um so eine Aktion richtig promoten zu können.
Dazu kam, dass ich herausfand, dass mein (ehem.) Manager in dieser Zeit für das Label arbeitete.
Es gab also eine Menge Unklarheiten und ich habe herausgefunden, dass diese Leute nicht wirklich wissen was sie tun müssen, oder welcher Zeitpunkt der richtige ist. Deshalb habe ich mich entschieden nicht mehr mit ihnen zu arbeiten. Ich habe fast ein Jahr lang mit ihnen gestritten - natürlich geheim - und jetzt bin ich dabei mich aus diesem Vertrag herauszukaufen.

Big Up! Geht es dir dabei darum deine Songs zurückzubekommen um sie wieder verwenden zu können?
Cecile: Ich brauche nicht unbedingt meine Songs, aber ich will meine Masters zurück. Ich versuche sie zurückzukaufen, mich aus dem Vertrag rauszukaufen und ein neues Album zu veröffentlichen. Ich habe schon längst ein neues Album fertig, daran sollte es nicht liegen. Aber dieses Label ist wie jede andere Plattenfirma, die nur auf Hits aus ist. Ich erwarte von einem Label dass es an den Künstler glaubt, ihn bei seiner Entwicklung unterstützt und seine Arbeit veröffentlicht. Nicht, dass es mit all dem wartet bis es einen Hit gibt. Ich will nicht 50 bis 60 Singles aufnehmen, nur damit eine vielleicht ein Hit wird! Ich meine, das ist doch die Aufgabe eines Labels, die Vermarktung und Promotion für einen Act zu übernehmen, oder? Das haben die von Delicious Vinyl jedenfalls nicht getan.
Das sind also die Gründe dafür, dass mein Album nicht veröffentlicht wurde.

Big Up! Bist du folglich momentan auf der Suche nach einem neuen Label?
Cecile: Ja, im moment bin ich beim "shoppen", allerdings sollte ich hundertprozentig frei sein, wenn ich nach Jamaika zurückkehre um die Vertragsauflösung zu unterschreiben. Die haben zwar mündlich zugestimmt mir die Masters auszuhändigen, aber als sie mir den entsprechenden Vertrag geschickt haben, waren Sie nicht dabei. Im Moment kümmert sich mein Rechtsanwalt darum, denn sie müssen mir die Masters geben, ich bezahle schliesslich dafür.

Big Up! Und wenn das abgeschlossen ist willst du mit einem neuen Label weitermachen?
Cecile: Genau, aber selbst wenn ich keines finde, werde ich mein Album veröffentlichen - das was ein Label leistet, kann man auch unabhängig erreichen. Dazu gehört auch, eine Tour zu organisieren um das Album zu promoten.
Ich habe keine Lust mehr auf einen dicken Vertrag zu warten, das ist heutzutage auch nicht mehr notwendig. Ich will einfach mein Album rausbringen!


Cecile in Cologne
Big Up! Produzierst du deine eigenen Riddims?
Cecile: Ja, das heisst ich baue sie nicht selbst auf, ich lasse mir einen Riddim geben und produziere dann. Nimm zum Beispiel die Zusammenarbeit zwischen mir und "Scatta" Burrell. Wir haben zsammen schon bei Celestial Songs gearbeitet und ich habe ihn quasi von dort “geklaut”. Wir haben zusammen zum Beispiel  meinen Song auf dem Double Jeopardy gemacht. Er hatte immer seine eigenen Projekte wie Martial Arts and Coolie Dance usw. und produziert eben auch viel für mich. Ich produziere aber auch selbst viele eigene Sachen, die noch nicht veröffentlicht sind.
Letztendlich produziere ich ja auch, wenn ich mit den Riddims von anderen arbeite, denn dann sage ich wenn etwas verändert werden soll. Dafür bekommt man zwar nicht immer Credits, aber ich weiss natürlich wie ich einen Song haben will. Ich habe das damals im Studio gelernt, ca. fünf Jahre lang.

Big Up! Jeden Tag enstehen in Jamaica eine Menge neuer Riddims. Ist es dadurch schwer, passende für deine Songs zu finden?
Cecile: Es wäre wahrscheinlich nicht schwer den perfekten Riddim zu finden, aber du müsstest diesen Riddim mit 40 anderen teilen. Das liegt mir nicht! Es gibt so viele gute Riddims! Ich finde es ist einem Riddim abträglich wenn zu viele Artists darüber singen. Man hört sich meist nicht mehr einen Riddim und einen Interpreten an, sondern einen Riddim mit 40 Songs darauf. Alle sagen das ist ein Vibe und ein "Jamaikan Thing" - aber eigentlich ist es nichts als "fuckery- it's wack!" Ich verstehe nicht, wie ein Fortschritt möglich sein soll, wenn wir so weiter machen!

Big Up! Würdest du es also vorziehen, wenn es für jeden Riddim nur noch einen Song gibt? Würde das dann nicht das ganze Selection "Ding" zerstören? 40 Songs auf einen Riddim sind wirklich zu viel, aber ist ein Riddim gut, sollte man auf einem Dance doch die Möglichkeit haben, 5-6 Tunes mit diesem Riddim zu spielen,oder?
Cecile: Ja, das Problem ist nur, dass es solche Ausmasse angenommen hat, dass es nicht mehr auf ein normales Niveau zurückgebracht werden kann. Heutzutage ist es unmöglich nur so wenige Tunes auf einem Riddim zu haben. Die Artists haben sich das selbst so aufgebaut und bekommen es nun von den Majors vorgeschrieben.
Diese akzeptieren keinen Riddim wenn es nur 5-6 Songs darauf gibt, sie wollen die Various Riddim/Artists Compilations. Erst waren es 15, dann 20, dann 30 - jetzt bis zu 40. Für sie ist dies natürlich viel billiger!
Dazu kommt, dass jetzige Produzenten keine Sly and Robbies oder Lee Perrys mehr sind. Das sind jetzt Kids, die das Geld nötig haben. Sie können es sich nicht leisten zu sagen das und das mache ich und damit Schluss. Es muss mitgehalten werden, und so gehen sie rauf auf 40,50 -  es wird niemals aufhören! Und ich garantiere dir, es gibt keine möglichkeit mehr, es bei 5 oder 6 Songs zu belassen. das geht einfach nicht mehr.
Artists machen sich inzwischen zu Nutze, dass es auf diese Art und Weise viel einfacher ist, Erfolg zu haben. Es ist nicht mehr notwendig aussergewöhnlich gut zu sein, du musst nur einen "Hot" Riddim haben.
Das macht auch die Musik kaputt! Glaubst du, Ashanti würde Beyonce über einen ihrer "Hot Tracks" singen lassen? Oder Britney Spears? Das würde bedeuten, den Leuten drei verschiedene Möglichkeiten zu bieten, den Riddim zu kaufen.Die Chance, dass die Leute Ashanti kaufen, wäre entsprechend um 2/3 geringer. Für mich hört sich das wenig sinnvoll an wenn du was verkaufen willst.
Hat z.B. Bounty Killer einen echten "Hot Riddim" und einen Song darauf - ehrlich, mach besser ein Album und pack selbst 2 bis 3 Hot Tracks drauf!
Ich glaube, dass es für alle Artists besser wäre, wenn jeder Artist sein eigenes Album hätte:
So würden sie Platten verkaufen und müssten nicht diese lächerlich hohen Eintrittspreise für Konzerte verlangen. Dies geschieht nur, da sie mit 45"s kein Geld verdienen können. Zum Geld verdienen bleiben also nur die Live Konzerte.
Ausserdem gibt es eine Menge junger Artists. Stell dir also vor, es gibt einen neuen Riddim mit Songs von Sizzla, Bounty, Capleton, Beenie Man, Lady Saw oder mir - die Chance das irgend jemand diesen Riddim mit einer Version eines neuen Künstlers überhaupt wahr nimmt, ist sehr gering. Der Song dieses Newcomers könnte um Klassen besser sein als alle unsere Songs zusammen- es würde nichts daranändern! Erst recht nicht bei 40 Songs pro Riddim.
Betrachtet man dieses Phenomän also wirklich einmal ernsthaft, merkt man das es Schrott ist. Es taugt nichts und ich verstehe nicht, warum wir damit immer noch weiter machen. Ich beziehe mich selbst da mit ein!  Wir müssen wirklich damit aufhören! Ich werde dir anhand eines Beispiels erklären warum:
Es gibt "Coolie Dance" und ca. 50 Songs auf diesem Riddim. Zusätzlich gibt es Coolie Skank, mit 25 oder 20 Tunes. Ein bekannter Dancehall Artist wurde auf "Coolie Dance" und "Coolie Skank"  mit dem gleichen Track veröffentlicht.
Du gibst sämtliche Lizenzen ab, die Masters, die Riddims, somit gehören die Riddims den Plattenfirmen. Dir zahlen sie dabei die Summe für 20 Tracks, die sie dir vor 20 Jahren für sechs, sieben oder zehn Tracks gezahlt haben. Dabei verdienen sie mehr Geld damit als damals.
All die US Firmen, die hierher kommen, sind nicht hier um eine Platte von Cecile oder Lady Saw zu promoten. Sie suchen sich nur einen "Hot Beat" aus, für ihre US Artists wie Nina Sky oder Lumidee. Den Riddim können sie ja problemlos bei einer der Plattenfirmen einkaufen. Danach promoten sie ihre Artists in den USA mit einem "Hot Track" aus Jamaika - das ist natürlich sehr clever.
Wenn wir in Jamaika so weitermachen, wird sich daran auch nichts ändern.
Aber wenn die Riddims uns gehören und sie dann kommen und einen davon unbedingt für einen ihrer Artist in den USA haben wollen, sollen sie eben eine Kollaboration machen. Du kannst einfach sagen, wenn sie einen Jamaikanischen Riddim wollen, dann muss auch etwas Jamaikanisches drauf.
Ich meine, ich kann dir garantieren, dass es unsere Musik ist, die sich verkauft. Die Künstler hätten ja genauso über andere Beats singen können. Aber Coolie Dance war schon ein Hit, Diwali war schon ein Hit, bevor erst später dann noch Lumidee darüber gesungen hat. Der Song von ihr ist ja bereits zuvor auf einer anderen Version erschienen! What a shit! - sage ich dir! Letzendlich haben sie dann nur noch ihre Vocals auf dem Diwali neu gemischt...
Ich verstehe einfach nicht, dass die Leute nicht begreifen, dass so etwas nicht geht. Aber natürlich geht es immer so weiter, weil es den Produzenten egal ist und die Plattenfirmen schlagen ihren Profit daraus. Ich verstehe einfach nicht, dass niemand begreift, wie wichtig es für den Fortschritt jamaikanischer Künstler ist, Albums zu machen und nicht diese bescheuerten 45"s!!!
95% der Welt kennt noch nicht einmal mehr Vinyl oder hört sich zumindest keine Platten mehr an, wozu also?
Und wenn du noch vor dem Album Release alles auf 7"inch veröffentlicht hast, kennt ja jeder deine Tunes, warum sollten die Leute dann noch dein Album kaufen?
Darüber habe ich auch mit meinem Label gestritten. Die wollten mich auf Diwali und all den anderen Riddims herausbringen, aber ich habe ihnen immer gesagt das es schwere Zeiten sind. Wenn die Leute kein Geld haben, warum sollten sie dann was kaufen was sie schon kennen?
Für mich macht das alles wirklich keinen Sinn!

Big Up! In Jamaika gibt es viel mehr männliche Artists als weibliche, oder? Woran liegt das deiner Meinung nach?
Cecile: Inzwischen gibt es eigentlich richtig viele weibliche Artists in Jamaika.  Es braucht wahrscheinlich eine Weile bis man die weiblichen Newcomer hier kennt, gerade wegen diesem Riddim System. Ich würde sagen es gibt seit Anfang diesen Jahres oder sogar seit Ende letzten Jahres keinen Riddim mehr, auf dem nicht auch eine Frau gesungen hat. Früher waren das nur Lady Saw, Tanya Stephens oder ich. Aber es gibt auch noch
Amachina, Macadamia, Tami, Macka Diamond, Brick&Lace usw...
Das sind schon mal einige Namen, aber es gibt noch viel mehr. Ich glaube ich habe neulich 22 gezählt. Alle eingeschlossen, auch Lady G die ja gerade, genau wie Sugar Minotts Tochter, die schwanger war, jetzt wieder am kommen ist.
Natürlich musst du als Frau auch smart sein! Du musst wissen, wie du deine eigene PR aufbaust oder ob du jemanden dafür engagierst, einfach weil die Konkurrez so gross ist.
da geht es nicht mehr um Mann oder Frau. Es ist einfach nur Wettbewerb. Es gibt zum Beispiel mindestens 5 Sängerinen, die mich, glaube ich, bewundern und sich genau wie ich anhören und oft haben die Leute sie mit mir verwechselt. Weil ich ja auch wegen dem Streit mit dem Label über ein Jahr nichts mehr gemacht hatte. Im Moment sehe ich überall Brick & Lace - drei wunderschöne Mädels. Ich weiss nicht, ob ihr von denen schon mal was gehört habt?
Über den Thriller Riddim habe ich mit Lady Saw “Loser” gemacht, Tami Chin ist auf diesem Riddim, Brick & Lace sind auf dem Riddim.. Oder nimm den Military Riddim – Brick & Lace sind darauf, Tami Chin ist darauf, Cecile ist darauf, Lady Saw ist darauf, Macadamia ist darauf - das sind schon einige female Artists. Aber es gibt einfach zu viele Songs auf jeden Riddim, deshalb kennt ihr die meisten der Newcomer gar nicht. Und die Songs dieser Frauen sind gut! Tami hört sich als DJ auch ähnlich an wie ich, Brick & Lace sind mir wohl auch ziemlich ähnlich, das sagen jedenfalls viele. Aber das macht ja nichts, ich habe damit kein Problem. Und diese Frauen sind sehr aktiv.

Big Up! Wie alt sind die Sängerinnen so?
Cecile: Die meisten sind in der gleichen Altersgruppe. Tami ist so 23 oder 24. Die anderen, Brick & Lace, haben sogar schon gesungen bevor ich damit angefangen habe. Als ich noch im Studio gearbeitet habe, hat Stephen ihnen sogar den Moesha Riddim produziert. Das haben sie für mich eingesungen. Und das tolle Frauen! - völlig verrückt, dass sie nicht bekannter sind.

Big Up! Bist du mit diesen Artists befreundet? Helft ihr euch gegenseitig bei Riddims oder Lyrics?
Cecile: Naja, kann man schwer sagen. Ich kannte beispielsweise Tami sogar schon bevor sie angefangen hat zu singen -  und später war mein Cousin der beste Freund ihres Produzenten, mit dem er auch zusammen arbeitete. Er erzählte mir immer von diesem Mädel, das so auf meinen Style stand. Eigentlich wollte er immer, dass ich für sie produzierte aber erwähnte nie ihren Namen. Erst als ich ihr vorgestellt wurde hat sie mir gesagt wer sie war. Ich kenne sie also und hätte sicher schon einmal was für sie produziert, es hat sich nur nicht ergeben. Brick & Lace kenne ich schon ewig und wir verstehen uns gut. Die ganz neuen female Artists kenne ich nicht.
Ach, da fällt mir noch eine Newcomerin ein, sie heisst Danielle. Wir haben sogar einen Song zusammen gemacht, den sie aber nicht veröffentlicht hat. Mit ihr werde ich in naher Zukunft öfter arbeiten.


Cecile at Party Cecile in Cologne Party
Big Up! Was hälst du von deutschen Sängern und Produzenten? 
Cecile:Ich finde sie machen einige der heissesten Beats! wie heisst dieser eine typ der den teddyo Riddim benutzt hat? Er kommt aus Köln, macht sonst eigentlich eher R&B und wird auch eher in R&B Clubs gespielt so wie “Hot Like Me” auf dem Regular Riddim, das läuft da ständig und natürlich die Sachen von Shawn Paul und der Coolie Dance. Er kannte mich noch nicht mal vom Reggae her, sondern aus den R&B Clubs. Mein Style hat ihm gefallen, wenn ihr wollt können wir nachher mal anhören, was ich für ihn gestern aufgenommen habe. Dann habe ich noch Sachen mit humecto gemacht. Ich weiss, er ist in der Dancehall  Szene nicht wirklich bekannt. Für Mono und Nikitaman habe ich Sachen gemacht. Außerdem arbeite ich natürlich mit Pioneer von Germaican Records und mit Pow Pow habe ich gearbeitet - und nicht zu vergessen den Senorita Riddim für Kingstone, den Track mag ich besonders. Ich mag auch den Vibe hier. Die Leute bemühen sich sehr um ihre Produktionen und um die Wurzeln der Musik, die ja keine deutsche Musik ist. Sie bringen der Reggae Musik viel Respect entgegen und versuchen sich in sie hineinzuversetzen, so dass ich es fast schon ironisch finde, weil sie eigentlich so produzieren wie wir produzieren sollten. Und sie promoten sich sehr gut. Ich bewundere es wie sie arbeiten und auch wenn mehrere Sänger über einen Riddim singen, veröffentlichen sie nicht gleich 20 oder 40. Damit müssen wir wirklich aufhören in Jamaika, das behindert uns nur. Dazu kommt, dass nur noch massenhaft produziert wird und nicht mehr auf Qualität geachtet wird. Manchmal gehen wir regelrecht auf Jagd, um auf so viele Riddims wie möglich zu kommen, und es ist völlig unmöglich in kürzester Zeit dafür fünfzig gute Songs zu schreiben.  So viele Songs von einem Riddim kauft ja sowieso keiner, das kann sich ja auch keiner leisten - wäre ja auch sowieso Quatsch.   Oft genug macht es den Riddim auch nicht mehr besser wenn ein Antony B. oder Sizzla drüber singt.  Ja, allerdings muss man auch bedenken, dass man in Jamaika kaum Airplay im Radio bekommt wenn man nicht auf jedem Riddim ist. Dazu kommt noch, dass die discjockeys in Jamaika alle auch produzieren und sie lassen genauso 50 Leute über ihre Sachen singen. Ich finde erstens sollten sie gar nicht selbst produzieren und wenn sie schon selbst produzieren müssen, dann sollten sie es wenigstens anständig machen. Manchmal erpressen sie dich, und wenn du dann nicht über ihre Produktionen singst, spielen sie deine eigenen Sachen nicht im Radio. Das ist alles sehr Schade, weil unsere Musik meines Erachtens so viel Potenzial hat.  Gerade war ich für ein Konzert in New York, beim Greek Fest ...beach, Long Island am Samstag und ich sage euch, die Hiphop Artists die sie dort hatten waren zwar keine Puffys oder Jay-Zs, aber sie waren wirklich gut - trotzdem liefen alle nur auf und ab. Aber kaum fingen sie an Reggae zu spielen, liefen alle zur Bühne, es war unglaublich! Jeder Einzelne! Diese Musik hat so viel Kraft, aber wir selbst nutzen sie nicht.  In den meisten Dancehall Lyriks geht es um Sex, Kriminalität und Drogen.   ... und Battyman, Knarren...                                                                                                

Big Up! Wie stehst du dazu? Wie sehr stehst du hinter deinen eigenen Lyriks? 
Cecile: Naja, wie ich schon sagte, muss man bei gewissen Themen bleiben weil man sonst nicht gespielt wird. Ich erinnere mich daran, wie ich einmal auf der Bühne einen Song über häusliche Gewalt performte, die Mädels im Publikum machten sehr klar, dass sie so etwas überhaupt nicht hören wollten. Und das obwohl ich auf ihrer Seite war, ich ergreife ja nicht Partei für die Männer, sondern für die Frauen! Sie wollten einfach nichts davon hören. Ich selber höre gerne Lauryn Hill oder Miss Dynamite und ich würde mich gerne selbst auf diese Art ausdrücken. Deshalb will ich ja auch unbedingt mein Album rausbringen, weil ich auch ein bis zwei solcher Tracks dabei haben will. Wenn man ganz ehrlich ist, muss man sagen, dass man nur Dancehall machen kann, wenn man seine ganze person anpasst, so wie es Tanya Stephens gemacht hat. Es ist als bestünde sie aus zwei ganz unterschiedlichen Personen, wobei man die Eine mit der Anderen überhaupt nicht in Verbindung bringt. In Jamaika heisst es in der Dancehall Szene nur, dass sie jetzt eben diese Songs singt und es kommt ein bisschen komisch rüber, aber das ist alles.  Es sollte allerdings nicht notwendig sein sich zwei verschiedene Persönlichkeiten aufbauen zu müssen, es sollte auch im Dancehall möglich sein über alle Themen zu singen.  Eine menge weiblicher Artists verändern sich zumindest nach aussen hin, um ihre Erfolgschancen zu erhöhen, vor allem wenn es am Anfang nicht so gut geklappt hat. Sie müssen so und so aussehen und so und so singen, deswegen finde ich das ja so einschränkend. Dazu kommt dass ich es zum Beispiel ablehne über Weed zu singen, deshalb singe ich auch so viel über Sex. Ich habe eben noch nie geraucht oder Alkohol getrunken. Ich könnte vielleicht vom Schriftstellerischen her noch ein oder zwei Songs über Weed zusammenkratzen, aber ich habe gar keine Lust darüber zu singen und auch nicht über Knarren,da bleibt irgendwie nicht mehr viel Anderes übrig. Und das bei der Menge anderer Themen über die man Lyriks schreiben könnte!  Das Tempo der Riddims ist aber auch etwas ausschlaggebend - in Jamaika wird momentan alles immer schneller, du kommst garnicht mehr hinterher. Die Männer tanzen noch nicht einmal mehr mit den Frauen, sie tanzen nur noch wie in den Videos und haben die engeren Hosen an, da sind die Mädels überflüssig.  Warst du schon einmal bei einem Dance in Deutschland bei dem du nicht aufgetreten bist?  Nein, aber ich sehe den Unterschied bei den Parties wenn ich auftrete. Ich performe in Deutschland zwar länger, aber die Show ist viel weniger kraftraubend als in Jamaika, also kann ich nach der Show noch abgehen mit dem Selector und ein bisschen tanzen. Es macht mir Spaß wie das hier abläuft. Und es ist immer wieder beeindruckend für mich, wie sehr sich die Leute hier mit einer Musik und einer Musikkultur identifizieren, die von so weit her kommt. 

Big Up!Wo glaubst du kommt deine Musik am besten an, in Jamaika, Europa oder in den USA?  Wo geht das Publikum am meisten ab auf deinen Konzerten? 
Cecile: Ich würde sagen ich bin in Jamaika sehr gut bekannt. Denn auch wenn ich vielleicht nur 2 Songs im Jahr rausbringe, sind diese Songs immer so kontrovers oder irgendwie so verrückt, dass die Leute mich im Gedächtnis behalten. Aber ich werde auch nicht wirklich als Dancehall Artist gesehen.Ich habe ja vorhin schon versucht zu erklären wie die Leute Dancehall sehen und welche Maßstäbe sie anlegen. Sie sehen, dass meine Songs anders sind und ich versuche ja in der Tat anders zu sein. Ich versuche, auch über andere Themen zu singen und das ist für die Leute kein authentischer Dancehall. In den USA bin ich eher weniger im Hardcore Reggae Segment beliebt. Außer natürlich bei den Frauen, Frauen lieben einfach meine Musik, weil ich über Dinge singe, die sie hören wollen. Aber die Hardcore Dancehall Typen sagen nur freak that wenn sie das hören. Es ist schwer zu sagen, ich sage nicht gerne ich bin beliebter auf dem "weissen" markt, das trifft es auch nicht ganz. Vielleicht könnte man eher sagen, dass ich bei den Leuten bekannt bin, die nicht wirklich Dancehall hören, aber trotzdem zum Beispiel Shawn Paul, Shabba oder Shaggy. Ich habe immer wieder Shows in Clubs wo nur Weisse sind, dann aber auch wieder in Clubs mit Afroamerikanern - ich weiss nicht, was für ein Markt das genau ist. Dafür, dass ich nicht so viele Songs veröffentlicht habe - ich habe schon eine Menge Songs, aber eben nicht so viele wie alle anderen - bin ich ansonsten hier in Deutschland etwas beliebter als in Jamaika. die Leute hier schätzen eher was ich machen will als die Leute in Jamaika. Deswegen gehe ich auch gezielt auf den Markt hier, denn die Leute in Jamaika kaufen meine Sachen nicht. Ich kann nicht ewig singen was mir dieses Dancehall Image in Jamaika vorschreibt, wenn ich nicht dahinterstehe. Ich will die Möglichkeit haben zu singen was ich will, genauso wie die Leute, die denken Dancehall gehört ihnen und diese Maßstäbe anlegen.


Cecile
Big Up! Was hälst du von Köln und den Leuten in Köln? 
Cecile: Ich liebe Köln. ich möchte hier unbedingt ein Restaurant eröffnen! Das möchte ich wirklich, deswegen werde ich auch auf jeden fall alles geben und so schnell wie möglich versuchen einen Deal für mein Album zu bekommen. (lacht) im Ernst, ich liebe Köln sehr, ich liebe die alte Kirche. Ich versuche auch christlich zu sein - kannst du dir das vorstellen? Die Leute lachen mich immer aus wenn ich ihnen das erzähle. Tja! (lacht) 

Big Up! Bist du wirklich religiös? 
Cecile: Ja! Siehst du, da drüben liegt mein Gebetsbuch und die Bibel mit der englischen Übersetzung hinten drin, denn sie ist deutssprachig. Ich reise ja viel herum und sehe viele orte und ich finde überall gibt es ernste Probleme, so schlimme Umstände: Menschen in Afrika leben von nur einem dollar täglich, die UNO sagte, dass sie nur für 3 Mio von 40 Mio Menschen, die mit HIV infiziert sind, Medikamente bereitstellen wollte und hat es letztendlich gerade mal geschafft eine Mio infizierter zu versorgen. Man wird überall und jeden Tag mit diesen Problemen konfrontiert und ich denke wir sind als Musiker und Sänger sehr schnell in diesem Bling Bling Lifestyle gefangen und vergessen dabei unsere menschliche Verantwortung. und ich persönlich fühle mich so schuldig und so mitverantwortlich und ich will helfen. Ich bin schon immer an Schulen gegangen und habe dort kurse gegeben und junge frauen unterstützt und ich bin einer Organisation beigetreten, die sich Hibiscus nennt und von der britischen High Comission unterstützt wird. Die sagen, dass 80% der Einsassen, die wegen Drogenschmuggel in britischen Gefängnissen inhaftiert sind, weiblich und 80% dieser Frauen wiederum Jamaikanerinnen sind.  Wenn ich das höre denke ich immer, dass wir über soviel Scheiss singen und sowas eigentlich wichtiger wäre. Ich glaube wirklich, dass die Leute zuhören würden wenn Bounty und Lady Saw und Beenie wirklich einmal ein paar Themen offen ansprechen würden und das etwas bringen würde. Neulich habe ich ein Tape gesehen "Dancehall girls gone wild" - dazu gibt es eine Story: Ein guter Freund von mir rief mich an und fragte mich ob er ein Oben-Ohne-Foto von mir für ein Tape verwenden könnte, das er veröffentlichen wollte. Ich habe ohne nachzudenken zugestimmt. Aber als ich das Tape gesehen habe - es war schrecklich! Ich weiss nicht, ob ihr schon einmal Filme von Dancehall Girls in Jamaika gesehen habt. Und auch wenn ich über alles Mögliche singe, so bin ich überhaupt nicht und wenn mich jemand begrapscht geh ich in die Luft - ich rauche nicht und ich trinke nicht, das ist nicht mein Style und dann diese Mädels, die keine Unterwäsche anhaben und die kamera hängt nur zwischen ihren Beinen und sie machen richtig eklige Sachen. Und mein Bild auf dem Cover und ich bin auch mit einem Song darauf, da geht es auch um Sex. - Im Ernst, manchmal fühle ich mich schuldig, weil ich denke diese Frauen nehmen meine Texte wirklich ernst. Ich fühle mich wirklich mitschuldig daran und das ist der Punkt wo ich zu dem Schluss komme, dass wir über ganz andere Dinge singen sollten. Diese Dancehall Szene macht mir also mit der Zeit ganz schön zu schaffen, denn ich weiss, dass ich nicht so bin. Ich stelle mir auch Fragen wie die, ob ich dafür verantwortlich bin wenn ein junges Mädchen vielleicht Sex hat, wegen etwas was sie in meinen Songs gehört hat und sich dabei mit AIDS infiziert.  Ich mache mir wirklich jeden Tag viele Gedanken über diese Dinge und ich bin wirklich der Meinung, dass man etwas zurückgeben sollte wenn man selbst gut lebt, und vor allem, wenn man sein Geld in diesem Business verdient.  In Jamaika erschießen sich so viele Leute gegenseitig, so viele Menschen sterben.  Ich liebe beispielsweise Junior Gongs “Jamrock”, ich liebe diesen Song, er ist wahnsinnig gut und sehr gut produziert, aber ich hasse diesen Song, weil er so - wahr ist. Das ist schwer zu erklären, ich würde gerne rüberfliegen und sehen, ob ich nicht Bounty und Beenie, Lady Saw und andere Artists dazu überreden kann, zusammen mit mir Stellung zu manchen Themen zu nehmen.  Ich weiss nicht, Shaggy macht ja sonst noch sehr viel, der macht wirklich sehr viel, gerade für Kinder - es ist ehrlich unglaublich wieviel er tut, und dabei redet er kein bisschen darüber. Und natürlich gibt es Andere, die etwas tun. Aber ich denke, manchmal bedeutet Hilfe nicht nur Geld.  Ich möchte auch in das Gefängnis gehen und mit diesen Frauen reden. Ich glaube, wenn man immer über diesem Luxuxsleben singt, ihnen dieses Bling Bling Leben vorlebt, ist es schwer ihnen zu sagen "du sollst keine Drogen schmuggeln", wenn sie aus armen Verhältnissen kommen.  Sie schmuggeln ja keine Drogen weil es ihnen so gut gefällt, sondern weil sie Geld brauchen. Und wenn die Medien sie die ganze Zeit mit unserem Superleben konfrontiert, mit dem neuen Auto, das man haben muss und tollen Klamotten, die man haben muss. Vielleicht versuchen sie einfach zu sehr wie wir zu sein. Ich kannt eine frau, die einen ganz anderen Hintergrund hatte: sie hatte ein Haus, das sie schon teilweise abbezahlt hatte, aber dann zu verlieren drohte. Ein Typ hat ihr angeboten, ihre Schulden zu bezahlen, wenn sie für ihn ein Paket nach England mitnehmen würde. Er erzählte ihr, dass man dort Frauen nicht ins Gefängnis schickt, wenn sie erwischt werden. Er hat sie ganz frech angelogen. Er sagte ihr, sie würden sie nur zurückschicken nach Jamaika - 5 jahre hat sie bekommen! Meine kleine Bibel hilft mir also, Versuchungen zu widerstehen. Weisst du, manchmal juckt es mich in den Fingern, den einfachen Weg zu gehen und etwas zu schreiben, was todsicher Geld bringt. Aber das tue ich nicht mehr.  

Big Up! Ein eigenes Restaurant?
Cecile: Ja, ich möchte eine Restaurant-Kette. Eins hier, eins in London und wo es sonst noch Sinn macht eins zu eröffnen.
Dann möchte ich auch gerne Kinder haben. Dafür muss ich allerdings allem Anschein nach am besten Eier einfrieren oder so. Ich möchte jetzt eigentlich erstmal 5 Jahre lang richtig hart arbeiten. Sobald ich aus diesem Vertrag raus bin und richtig, richtig loslegen kann und richtig, richtig arbeiten kann. Dann würde ich mich gerne richtig, richtig jung zur Ruhe setzen. Nein wirklich, ich möchte zunächst mal einfach das Leben genießen, ein bisschen rumkommen und so. Aber dann möchte ich auch Projekte für Kinder in Jamaica unterstützen und ich würde gerne in einem anderen Land  für ca. 6 Monate im Jahr ehrenamtlich arbeiten können. Das ist mir wirklich wichtig, mein Leben hat schließlich einen Sinn.
Ich meine, ich stehe wirklich sehr auf Dancehall Music und ich kann mir eigentlich auch nicht vorstellen ganz damit aufzuhören. Was heisst Dancehall - ich liebe einfach Musik. Ich kann nicht sagen an welchem Punkt für mich Musik zum Gospel wird. Ich belüge mich selbst nicht, Gott kann man nicht belügen. Ich sehe keine Möglichkeit diese Pläne in der nahen Zukunft zu realisieren, aber ich glaube fest daran. Für mich besteht Glaube nicht darin, in die Kirche zu gehen, sonder darin, Menschen zu helfen. Und das möchte ich tun.
Wisst ihr, ich stehe trotzdem auf Gucci, Fendi und Chanel, das kann ich wohl nicht lassen. Aber ich möchte das etwas ausgleichen. Ich könnte nicht nur in Luxus leben. Ich glaub ich könnte noch nicht einmal so richtig reich sein. Im Ernst, ich würde mich so schuldig fühlen! Ich könnte niemals 50 Mio USD besitzen, ich würde 25 bis 30 Mio  davon verschenken.
Ich bin ausserdem eine Person, die ihre Gedanken und Gefühle gerne zum Ausdruck bringt. Ich bete gerne. Ich würde gerne in einem anderen Sinne beten und anderen Menschen erzählen, was ich Gutes tue, so dass es andere davon überzeugt Gutes zu tun. Ich bin davon überzeugt, dass es wichtig ist, gute Taten in Songs publik zu machen. Ich meine, wir vermitteln all die Bad Songs, was wir für Klamotten tragen und auf welche Partys wir gehen. Wieso sollte es verkehrt sein, auch über die guten Dinge zu singen, die wir tun.
Naja, aber wie gesagt, möchte ich auch mein Leben genießen können, Domino und Scrabble mit meinen Freunden spielen. Ein Freund von mir sagt immer “Lebe jeden Tag als wäre es dein letzter”. Das sollten wir alle beherzigen.


Big Up! Wieviel schreibst du über dein echtes Leben in deinen Lyrics?
Cecile: Wenn ich über mein Leben schreiben würde, ware das wahrscheinlich ziemlich langweilig. Aber ein ganz klein wenig – lass mich überlegen ob mir ein Song über mich einfällt. Meine Gedichte sind auf jeden Fall persönlicher.
“Do It To The Big” war nicht wirklich über mich, aber es geht um etwas, was ich sehr satt hatte. Warum sagen sie in der Dancehall “Hands up …”? Ihr wisst worum es da geht? Die Frauen heben schon keine Hände mehr in die Luft, nur noch die Männer. Die Hälfte von denen sollte sie auch nicht oben haben. Die Frauen tanzen nur. Dieser Song handelt also nicht direkt von meinem Leben, aber von Situationen, die ich kenne. Frauen reden eben miteinander. Es ist so witzig, stell dir ein Pärchen auf einem Dance vor, die Frau denkt sich nur “Warum hat der jetzt seine Hand in der Luft? – Nimm deine Hand runter!” So bin ich auf diesen Song gekommen.
 
Big Up! Du hast schon mit vielen Artists zusammengearbeitet. Mit wem war die Zusammenarbeit am besten? 
Cecile: Shawn Paul, Beenie Man und Shaggy. Mit Shaggy habe ich oft zusammengearbeitet, er ist ein sehr guter Textautor. Und Shaggy ist richtig cool, erst recht wenn man ihn etwas näher kennen lernt! Ich habe fünf Stücke mit ihm gemacht, weil er mich auf sein Album bringen wollte, er war sehr von meinem style überzeugt. Neulich hat er mich gebeten einen Song für ihn einzusingen, ”ManaMana”. Ich hatte diesen Song nicht geschrieben, er hatte ihn geschrieben. Kurz darauf klingelte das Telefon. Es war seine Plattenfirma, die mich nach meinem Namenund weiteren Infos für die Veröffentlichung fragte und sagte Shaggy hätte mir 20% an diesem Song gegeben. Er hat mir die  20% wirklich geschenkt! Shaggy ist einfach so, egal wie reich er ist. Er kümmert sich sehr um die Leute mit denen er arbeitet. Mit Shawn habe ich nicht nur die Kollabo zusammen gemacht, sondern wir waren auch auf Tour zusammen, er ist auch sehr cool, wir haben uns gut verstanden. Und Beenie Man ist für mich der ultimative Dancehall Artist. Er ist wirklich der King of Dancehall! Und wenn ich sage Dancehall, dann meine ich “Daancehaall”, so wie er es sagt. Das kann ihm wirklich keiner absprechen. Wisst ihr, mit wem es sehr lustig ist, zu arbeiten? Merciless. Du lachst dich tot, er macht die ganze Zeit stimmen nach und reisst Witze. Er ist total verrückt! Du kannst nicht mehr vor lachen.  Wo verbringst du den grössten Teil deiner Zeit, in Europa, in Jamaika oder in den USA? Vielleicht am ehesten in Jamaika, denn dort verbringe ich auch meine freie Zeit. Man könnte sagen, Jamaika, USA, Europa, in dieser Reihenfolge. Miami ist einfach so nah, da fliege ich schon mal einfach so hin zum chillen. Es wäre so schön mal in Europa vorbeischauen zu kommen, aber es ist so wahnsinnig weit. Ich habe Rodney schon gesagt, das ich unbedingt auch mal auf Urlaub herkommenmuss, ich komme immer nur zum arbeiten hierher. Ich muss hier wirklich mal ein bisschen auf Parties gehen, die Szene kennenlernen, die Dances. Aber ich gehe auch auf Raves, glaubt nicht, dass ich nur auf Dancehall Parties gehe. Die ganzen Jungs auf Extacy, das schaue ich mir gerne an. Es ist schlecht für sie, aber wenn sie Lust drauf haben… Verrückt.


Cecile at Kingstone Sound Cecile at Kingstone Sound Cologne
Big Up! Hier in Köln gibt es viele Schwule. Im Moment gibt es auch ein großes Kulturprojekt … den ganzen Monat über mit einer Parade. Bei solchen Feiern gibt es auch Bands, auch Reggae Artists, wie stehst du zu sowas? Was hälst du von dieser Bewegung?
Cecile: Es ist ein freies Land, wer demonstrieren will soll demonstrieren. Das ist mir egal.

Big Up! Würdest du bei einem Gay-Festival auftreten?
Cecile: Auf jeden Fall! Ich trete für Menschen auf, ist doch egal, ob sie schwul sind. Sind da nur Schwule? Aber selbst dann würde ich auftreten, ich brauche Geld. Es ist mir auch egal in welche Kirche jemand geht oder welche Hautfarbe er hat. Ich habe ein riesiges  Problem mit Pedophilen. Wenn jemand mich zu einer Gay-Talkshow einladen würde – warum nicht? Es ist eine Talkshow – ich finde es sogar bescheuert, ein Wort davorzusetzen. Ich habe eine Menge schwuler Freunde und ein Freund von mir macht mir eine Menge Kontakte zu Leuten. Ich habe einige Songs die sie sehr mögen. Ich habe eine kleine schwule Fangemeinschaft in den USA, die lieben einfach meine Songs. Super! Bringt meine Sachen in die Clubs, in die ihr geht und macht sie bekannt – let the DJ play!

Big Up! Du hälst also nichts von der allgemeinen Dancehall-Haltung gegenüber Schwulen? Würdest du in Jamaika zugeben, dass du auf einem Gay-Festival gespielt hast, bzw. würdest du davon erzählen?
Cecile: Ja, natürlich! Offensichtlich kennt ihr mich nicht besonders. Ich bin dort bekannt für solche Sachen, ich bin ein Freak in Jamaika!
Ich meine, ich habe direkt mit “Changez” angefangen und eine Menge Leute hat gedacht, ich würde “ihren” Artist dissen. Unmittelbar danach habe ich meinen Baby-Song gebracht und alle waren total entsetzt, ihr wisst ja, wie alle behaupten, dass sie so etwas nicht tun. Vor allem die Männer haben sich aufgeregt.
Es ist jetzt 2005 und ich versuche nicht, zu lügen, ich versuche, meine Musik zu verkaufen. Ich versuche sie an Schwule und Heteros, Schwarze und Weisse, Christen und Juden zu verkaufen.
Ich stelle zum Beispiel gerne folgende Frage: Wenn du am Sterben wärst, am Ertrinken– und wenn du ein jamaikanischer Mann wärst – und du könntest einen Schwulen davon abhalten dich durch Mund-zu-Mund-Beatmung zu retten, würdest du es tun? Ich glaube wirklich an diesem Punkt würden sie das nicht tun. Deshalb finde ich das alles unnötig. Wenn die Schwulen für ihre Rechte kämpfen und sie an die Öffentlichkeit gehen möchten, und meiner Meinung nach sollten sie das auch tun, sollten sie das tun können. Aber auch jamaikanische Artists sollten das Recht haben, zu sagen was sie wollen. Ich finde es ist falsch, Gewalt an jeglicher Art von Mensch in Songs zu promoten. Aber sie sollten auch die Möglichkeit haben, zu sagen, dass sie Schwule nicht mögen. Ich persönlich mag keine Homosexualität, das heisst aber nicht, dass ich Leute die homosexuell sind, nicht mag. Ich würde darüber auch nicht singen, aber es sollte möglich sein, seine Meinung zu sagen. Ich verurteile auch das missionieren “du sollst den und den verachten, du sollst den und den zusammenschlagen”. Aber wenn es die Meinungsfreiheit für die einen gibt, sollten auch die anderen das Recht haben, ihre Meinung zu sagen.
Ich glaube dieses Thema ware gar nicht so ausgeweitet worden, so dass es in jedem Song heisst “bun battyman”, “bun …”, wenn es nicht so ein cheap forward  wäre. Das sichert dir einfach den Erfolg deines Songs oder auch die Stimmung bei Konzerten. In meinen Songs wirst du nie etwas derartiges hören. Ist mir egal, was die Leute davon halten, ich würde nie so etwas singen. Rein wirtschaftlich ist das natürlich nicht sehr klug, das ist ein großer Konsumentenkreis.
Hier ist eine witzige Geschichte: bei einem Auftritt habe ich “Do It To Me Baby” gesungen und da war dieser - ich rede nicht gerne von Hautfarben, aber um die Situation besser zu beschreiben – weisse Typ, in Deutschland, der schrie “bun bowcat!” (lacht) Unglaublich, ich hab ihm nur gesagt er sollte besser den Mund halten und wovon er denn überhaupt redet. Ich weiss genau, dass das nicht eurer Kultur entspricht, das hat er aus Jamaika. Er sagte es sogar in Patois. Ich frage mich, ob er denn nicht weiss, dass die Hälfte dieser Leute lügt.
Der Einfluss dieser Musik ist sehr stark, wenn sich darunter eine Kultur verändern kann, der diese Einstellung eigentlich nicht entspricht - und das tut sie nicht, das ist eher in den USA der Fall, da gibt es noch einige Gruppierungen, die gegen Schwule mobil machen.
In der deutschen Reggaeszene folgen viele einfach den Vorgaben der Musik. Nimm das Beispiel von vorhin, ich sang “give it to me baby, give it to me baby” und er schrie “bun bowcat” als ob er den Song nicht hören wollte. Viele hier wissen aber auch nicht, was die Lyrics bedeuten. Freunde von mir singen bei ”Drink in a Chichiman bar” mit, aber nur, weil sie nicht wissen worum es geht.
Wie gesagt, ich finde jeder sollte sagen können, was er denkt, Gewalt zu promoten ist falsch und jeder sollte ganz klar unterscheiden, ob er seine Meinung sagt oder zur Gewalt aufruft. Außerdem ist es meiner Meinung nach unnötig, so oft darüber zu singen. In jedem Song und in jedem Konzert geht es mittlerweile darum!
Das gefällt mir an Beenie Man. Er hat sowas eigentlich nicht nötig und ich glaube er versucht dieses Thema zu vermeiden.
Es gibt auch so eine Art Straßenkredibilität, die ich nicht haben muss, die aber viele andere, vor allem männliche Artists brauchen. Mir ist das egal, ich bin sowieso nicht “Straße” und war es auch nie.

Big Up! Ein Konzert von Buju Banton in Deutschland wurde beispielsweise gecancelt, weil der Veranstalter Angst hatte, er würde “Boom Bye Bye” singen. In Deutschland gibt es eine ziemlich aktive Schwulen- und Lesbenlobby.
Cecile: Das ist schonkomisch mit “Boom Bye Bye”. Das ist so ein toller Song! Ich habe jedesmal Lust mitzutanzen, wenn ich ihn auf einem Dance höre, aber ich bin einfach mit der Aussage nicht einverstanden. Ehrlich gesagt glaube ich auch nicht, dass er das wörtlich gemeint hat. Der Beat ist einfach heiss und wie er performt. Über Lesben singen die Jamaikaner eigentlich nicht. Sie haben ja selber die ganze Zeit ménages à trois. Ich meine jetzt nicht Buju Banton damit, sondern die jamaikanischen Männer allgemein. Wahrscheinlich haben sie auch was gegen Lesben, aber ganz sicher nicht dagegen, dass Frauen miteinander Sex haben. Und an den Lesben stört sie wahrscheinlich nicht der Akt selbst, sondern der Fakt, dass sie nichts davon abbekommen. Ich würde sogar behaupten, dass in Jamaika noch nie ein Übergriff auf eine Lesbe stattgefunden hat. Die Männer würden eher versuchen sie ins Bett zu kriegen.  

Big Up! Letztes Statement?
Cecile: Ich hoffe ich kann bald mein Album veröffentlichen, aber wenn nicht, kommt auf jeden Fall eine Kollabo mit Timberland raus. Dann ein Song mit Olivia, der Sängerin von d-unit, der auf ihrem Album erscheint. Es steht eine Kollabo mit Shaggy an, es wird also auf jeden Fall einiges passieren in nächster Zeit. (CW/BE)

 

Cecile beim Interview

 
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